Die Schule soll die Kinder, „alltagstüchtig“ machen. Doch was bedeutet „alltagstüchtig“? Die Schule hat den Auftrag, die Kinder und Jugendlichen auf ihr Leben vorzubereiten – auf ihr Privatleben und auf ihr Berufsleben. D.h. die Schule baut Kompetenzen auf, sie entwickelt Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nötig sind, in der „Welt“, so wie sie ist, zu bestehen und den eigenen Platz zu finden: als Erwerbstätige, als Mütter und Väter, als Bürgerinnen und Bürger.
Zur Alltagstüchtigkeit gehört implizit auch die Entwicklung der Sinne und der Wahrnehmungsfähigkeit, d.h. die ästhetische Bildung. Ästhetisch ist alles, was unsere Sinne anregt und in uns Empfindungen und Gefühle hervorruft. Die Schule muss den Kindern und Jugendlichen auch ästhetische Erfahrungen bereitstellen. Herausforderung 1: Technologische und gesellschaftliche Veränderungen
Die „Welt" hat sich in den letzten 10/15 Jahren extrem verändert. Die folgenreichste Veränderung wurde durch die rasante Entwicklung im technologischen Bereich ausgelöst. Stichwort hier ist der Computer, der nicht mehr wegzudenken ist. Er schuf die Voraussetzung für den Wandel der Dienstleistungsgesellschaft in die Informationsgesellschaft. Als wohl schwerwiegendste Folge der Computerisierung haben wir heute eine Arbeitswelt, die als Ziel eine ständig höhere Effizienz anstrebt, die hoch qualifizierte Fachleute voraussetzt. Es ist eine Arbeitswelt ohne Arbeitsplatzsicherheit und noch schlimmer, eine Arbeitswelt, die immer weniger Lehrstellen anbietet. Die Einen sehen die Lösung der Probleme in der Globalisierung, die allen Staaten die gleichen Chancen auf dem Weltmarkt eröffnen soll. Für die Anderen ist Globalisierung die eigentliche Ursache für die wirtschaftlichen Probleme.Parallel dazu hat sich die Gesellschaft verändert:
- Wir erleben die zunehmende Auflösung der traditionellen Familienformen - man spricht zum Beispiel von Patchworkfamilien oder Einelternfamilien.
- Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft mit all ihren positiven und negativen Facetten.
- Wir spüren eine gewisse Orientierungslosigkeit, da sich traditionelle Werte gewandelt haben und Vieles heute „richtig" ist.
- Wir leben in einer „Hochgeschwindigkeitsgesellschaft", in der alle Bedürfnisse „subito" erfüllt werden müssen.
Alle diese Veränderungen sind über die Gesellschaft hinweggefegt und haben eine grosse Verunsicherung ausgelöst. „Alltagstüchtig" sein heisst also, mit Verunsicherungen umgehen zu können.
Herausforderung 2: Erkenntnisse der Hirnforschung
Gerade im Zusammenhang mit Handarbeit weiss man um den positiven Einfluss der manuell-kognitiven Lernprozesse auf die Lernprozesse in den anderen Fächern. Ich zitiere Toni Strittmatter. Er ist Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.„Der Fachbereich Werken/Gestalten .... schafft wichtige Grundlagen für die Sprachentwicklung, die Entwicklung des räumlichen und funktionalen Vorstellungsvermögens, Verständnis für technische Aufgabenstellungen und Grundfragen. Es geschieht hier auch die wichtige graphomotorische und feinmotorische Intensivförderung. Das Problemlösen mit „greifbaren" Materialien schafft Voraussetzungen für das intellektuelle Begreifen und kann gleichzeitig als Kontrollmedium (z.B. in der Geometrie und Physik) genutzt werden. Alle lernbiologischen und hirnphysiologischen Erkenntnisse deuten darauf hin, das die frühe Förderung motorischer und gestalterischer Funktionen für die geistige Leistungsfähigkeit bedeutsam sind." Ich meine die Lehrpersonen sind zu wenig vertraut mit diesen Erkenntnissen. Deshalb besteht Handlungsbedarf. Viele von uns sind noch verhaftet in der „alten" Vorstellung vom Lernen und sagen: Was sich früher bewährt hat, gilt auch für heute. Wenn wir uns auf das Alt-Bewährte zurück besinnen, kommt es schon gut. Das ist so falsch. Kinder und Jugendliche lernen heute anders. Es ist unsere Aufgabe, die richtigen Zugänge in ihre Gehirne zu nutzen, um sie optimal in ihren individuellen Möglichkeiten fördern zu können.
Was tut die Schule in dieser Situation?
Viele Kantone - darunter auch der Kanton St.Gallen - haben erkannt, dass die Volksschule einer Veränderung bedarf, sie reformieren - aber aus meiner Sicht zu punktuell und zu sehr auf der strukturellen Ebene. Bei allen Reformprojekten geht es zwar um die Qualitätssicherung bzw. Qualitätsentwicklung der Schule, was für die Volksschule von existentieller Bedeutung ist. Die Frage, um welche Qualität es dabei geht, ist damit aber noch nicht beantwortet. Heute wird meiner Ansicht nach zu einseitig auf die Strukturqualität gesetzt und der Inhalt wird vernachlässigt. Wir müssen in Zukunft vermehrt wieder auf die Lerninhalte achten und diese an neuen Normen messen. Nur so kann die Schule die Kinder und Jugendlichen auf ihr Leben vorbereiten, wie es der Auftrag der Schule vorgibt.Neues Rollenverständnis der Volksschule
Die Welt und das Leben haben sich verändert. Folglich muss die Schule ihr Rollenverständnis hinterfragen. Wie kann sie nun ihren Auftrag - Vorbereitung auf das Leben, - im Hinblick auf die neuen Herausforderungen am besten wahrnehmen? Lange Zeit war die Schule klar als der Ort definiert, an dem Wissen vermittelt wird. Dies stand im Zentrum. Mit der rasanten Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologien hat sie dieses Monopol verloren. Heute müssen Kinder lernen, wie sie die Informationsflut der digitalen Medien am besten für die persönliche Entwicklung nutzen können. Dazu muss die Schule das Orientierungs- und Urteilsvermögen der Schülerinnen und Schüler schärfen: Sie sollen das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden können. Selbstverständlich garantiert die Schule weiterhin den Erwerb von Fachkompetenzen. Lesen, Schreiben, Rechnen sind Grundvoraussetzung für ein weitergehendes Verständnis von Zusammenhängen in allen Fächern.
Überfachliche Kompetenzen
Zusätzlich legt sie aber grossen Wert auf die Entwicklung von überfachlichen Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Bewältigung des Lebens als Privatperson, als Berufsperson, als Bürgerin bzw. Bürger nötig sind. Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit, Problemlösefähigkeit sind solche überfachlichen Kompetenzen. Sie sind nötig, um in einer digitalisierten und globalisierten Welt ein bewusstes, aktives, solidarisches Leben in einer demokratischen Zivilgesellschaft führen zu können. Das Einüben dieser überfachlichen Kompetenzen muss verstärkt werden. Dies funktioniert, wenn die Schule vermehrt zum Lebens- und Erfahrungsraum wird, so wie Hartmut von Hentig, der deutsche Pädagoge es fordert. Die Schule muss -ich zitiere - „den jungen Menschen helfen, in ihrer Welt erwachsen zu werden," - und weiter - „Die Schule muss den Kindern die Erfahrung verschaffen: Ich kann!" - Zitat Ende.
Kreativität fördern
Wie können diese Erkenntnisse nun wirkungsvoll in der Schule umgesetzt werden? Und welche Rolle spielen dabei Handarbeit, Werken und Hauswirtschaft? Ich stelle die Kreativität ins Zentrum: Kreativität verstehe ich als Urkraft im Menschen. Kreativität ist in jedem Individuum als Potenz von Anfang an vorhanden und kann entsprechend der Möglichkeiten jedes Einzelnen bzw. jeder Einzelnen entwickelt werden.
Kreativität lässt mich als aktive Gestalterin erleben. Ich erfahre, dass ich durch mein individuelles Tun etwas bewirken kann. Das sind keine grossartigen Werke, wie wir sie aus Musik, Kunst, Architektur, Literatur kennen. Es sind die Dinge - Produkte, Beziehungen - , die meine „kleine" Welt bereichern. Wer kennt nicht die beschwingenden Gefühle, wenn etwas gelingt auf Grund eigenen Tuns - eine Dekoration, ein Bild, ein Möbelstück oder ein feines Essen, das Schlichten eines Konflikts oder der Aufbau einer guten Beziehung. Diese Erfahrungen geben Selbstsicherheit und helfen mit, sich in einer rasch wandelnden, unsicheren Welt zu recht zu finden. Hier muss die Schule einsetzen: Ihre Hauptaufgabe ist es, den Kindern und Jugendlichen möglichst viele Gelegenheiten zu bieten, solche positiven Erfahrungen zu machen.
Vielfältige Fähigkeiten
Kreativität kann in allen Schulfächern entwickelt und gefördert werden. Handarbeit, Werken, Zeichnen, Musik, Hauswirtschaft haben aber eine spezielle Affinität zu Kreativität. Diese gilt es zu nutzen. In Handarbeit, Werken und Hauswirtschaft werden die Lernprozesse 1:1 sichtbar und erlebbar. Das Lernziel ist ein Produkt: etwas Konkretes, etwas Handfestes. Woraus besteht nun dieser Lernprozess? Es geht wie in allen Fächern um den Aufbau einer Sachkompetenz, die aber unmittelbar an einen „greifbaren" Inhalt gekoppelt ist. Vom Methodisch-Didaktischen her spielen die bereits erwähnten überfachlichen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Frustrationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit eine wesentliche Rolle für das Gelingen des Produkts. Sie sind die eigentlichen Meilensteine im Bildungsprozess.
Ziel der Schule ist nicht mehr nur die reine Wissensvermittlung. Diese hat an Bedeutung verloren. Dafür nimmt die Entwicklung vielfältiger sozialer Fähigkeiten mehr Raum ein. Die Kinder müssen „fit" werden für eine erfolgreiche Lebensbewältigung.
Handarbeit, Werken und Hauswirtschaft - und da sehe ich die grosse Chance für diese Fächer - verbinden beide Aufträge - Fachkompetenz schaffen und überfachliche Kompetenzen fördern - in exemplarischer Form: Diese Doppelfunktion unterstützt den Lernprozess in optimaler Weise.
Das ist es, was wir Land auf - Land ab bekannt machen müssen.
Aus dieser Erkenntnis heraus schlage ich eine Neuauslegung und Neupositionierung von Handarbeit, Werken und Hauswirtschaft im Lehrplan vor. Was bedeutet dies konkret?
Die Schule der Zukunft muss stärker zum Lebens- und Erfahrungsraum werden. D.h. die gestalterisch-musischen Tätigkeiten, die im Alltag eine wesentliche Rolle spielen, müssen ein grösseres Gewicht bekommen. Gestärkt wir die Schule als Lebens- und Erfahrungsraum, wenn wir neben den bereits bestehenden Säulen „Sprachen", „Mathematik", „Naturwissenschaften und Geschichte", „Sport" eine weitere Säule „Gestalten des Alltags" errichten. Zu dieser Säule gehören Handarbeit, Werken, Hauswirtschaft, aber auch Zeichnen und Musik. Gerade diese Fächer leisten einen zentralen Beitrag, Kinder und Jugendliche ganzheitlich „alltagstüchtig" zu machen.


