Keine Sexualerziehung im Kindergarten
Woher die vielen Leserbriefschreibenden bereits heute wissen, dass mit dem Lehrplan 21, der erst in Erarbeitung ist, Sexualkundeunterricht im Kindergarten verankert werden soll, ist mir ein Rätsel. Diese Behauptung ist nämlich falsch. Geradezu eine Zumutung für die Leserschaft ist das, was einzelne Leserbriefschreiberinnen bekannt geben, was künftig zum festen Sexualkundeunterricht gehören soll. Die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren der Deutschschweizer Kantone gaben kürzlich bekannt, dass es auf Stufe Kindergarten keinen Sexualkundeunterricht gibt und dass die primäre Verantwortung für die Sexualerziehung auch in Zukunft bei den Eltern liegen wird. Die Schule wird die Eltern gemäss ihrem Auftrag dabei unterstützen.Auf Verantwortung hinweisen
Das ist übrigens gar nichts Neues, denn sexualkundliche Inhalte sind seit vielen Jahren Gegenstand der kantonalen Volksschullehrpläne. Sexualkundeunterricht beginnt nicht im Kindergarten, sondern in der Mitte der Primarschulzeit. Die Schülerinnen und Schüler lernen Partnerschaft in gegenseitiger Verantwortung als Chance und Aufgabe des Menschen kennen. Sie werden sich der Bedeutung von Freundschaft, Liebe und Sexualität für das Zusammenleben von Menschen bewusst. Sie erkennen Nähe und Distanz als selbst bestimmbar. Sie setzen sich mit geschlechtsspezifischem Verhalten auseinander, erkennen und überwinden Vorurteile.Auf der Oberstufe wird der Sexualkundeunterricht fortgesetzt. Den Lernenden werden wichtige Aspekte der Sexualität, Zärtlichkeit, Zeugung, Sexualhygiene, Empfängnisverhütung rechtliche und sozialethische Aspekte und sexuelle Beziehungsformen erklärt. Sie werden auf ihre Verantwortung aufmerksam gemacht und auf den Schutz vor sexuellen Übergriffen. Die Lehrpersonen behandeln die sensiblen Inhalte mit der nötigen Sorgfalt und in Geschlechter getrennten Gruppen. An dieser, seit Jahren bewährten Praxis, wird der gemeinsame sprachregionale Lehrplan 21 nichts ändern.
Lehrplan: Gleichwertige Ausbildung
Die Zahl 21 steht für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Projektkantone und für das 21. Jahrhundert. Aus Gründen der Chancengleichheit ist es für die Schülerinnen und Schüler zentral, dass sie an der obligatorischen Schule in allen Kantonen eine gleichwertige Ausbildung erhalten. Der Lehrplan 21 wird so aufgebaut, dass Schülerinnen und Schüler überprüfbares Wissen und Fähigkeiten erwerben, die sie in unterschiedlichen Situationen anwenden und umsetzen können. Er legt Mindestansprüche fest und formuliert darauf aufbauend weiterführende Ziele. Der Lehrplan 21 ist leistungsorientiert und legt in den Fächern Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften verbindlich fest, was die Lernenden am Ende der 2., 6. und 9. Klasse wissen und können sollen.Er wird in enger Zusammenarbeit zwischen Leuten aus der Praxis und der Wissenschaft erarbeitet. Der Entwurf kann 2013 öffentlich diskutiert werden. Dann wird man auch über die Angemessenheit der sexualkundlichen Inhalte für die einzelnen Schulstufen sprechen können. Voraussichtlich 2014 werden die Kantone über die Einführung entscheiden. Ein Grundlagenpapier zur Sexualpädagogik, das von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit erstellt wurde, ist weder im Auftrag noch unter Mitwirkung der Erziehungsdirektoren-Konferenz entstanden; seine Inhalte sind für den Lehrplan 21 nicht massgebend.
In der medialen Welt, in der unsere Kinder und Jugendlichen heute aufwachsen, ist mir die sexuelle Aufklärung im Schulunterricht wichtig, dies als Ergänzung zu dem, was die Eltern machen oder leider auch unterlassen. Der Staat hat auch ein Interesse daran, dass unsere Kinder und Jugendlichen gut aufgeklärt sind. Der Sexualkundeunterricht darf aber weder zum Spielball werden von Personen mit fundamentalistischer Gesinnung, noch von Politikern, welche nicht an die nächste Generation, sondern nur an die nächsten Wahlen denken.


